Der zweite Tag begann am Morgen genau so wie 1993 bei unserer
Bodenseeumrundung. Es gab Dauerregen und ein Ende schien so schnell nicht in
Sicht zu sein. Der Himmel zeigte sich in einem einheitlichen Grau. Aber es
half ja alle nichts und ich packte meine „sieben“ Sachen und begann die
zweite Etappe. Der Weg führte zunächst noch am Bodensee entlang ehe es in
St. Margrethen ein wenig hügeliger wurde. Ganz in der Nähe von St.
Margrethen fließt der Rhein durch einen künstlichen Kanal in den Bodensee
und stellt mit dem alten Rhein das größte Süsswassserdelta Europas dar.
Auf einer Größe von 20 km² entstand das Vorarlberger Gebiet, in dessen
Inneren jetzt ein Naturschutzgebiet angesiedelt ist. Viele Ried- und Watvögel
sind dort anzutreffen. Doch bei dem Dauerregen hatte ich nicht so recht den
Blick für die Natur, denn die spürte ich ja auch so in Form vom feuchten
Nass. Der Weg führte jetzt doch stetig nach oben und bald erreichte ich
Heiden. In Heiden konnte ich quasi internationale Aussichten genießen, denn
ein Blick nach Deutschland und Österreich waren möglich. Immerhin lag es
doch 400m über dem Bodensee und der ganze See zeigte sich. Allerdings heute
in einem wenig begeisternden Grau. Der Weg führte weiter und das
Appenzeller-Land lag vor mir. Es sah wirklich genau so aus wie in den im
Fernsehen gezeigten Heimatfilmen. Auch manche Einwohner verhielten sich so
und trugen auch Trachten. Überall wurde Appenzeller Käse angeboten, der
nun wirklich weit über die Grenzen bekannt ist. Und zu meiner Freude ließ
dann auch der Regen nach und die Bewölkung lockerte etwas auf, ohne aber
jetzt zu euphorisch zu klingen. Die Landschaft zeigte sich in einem schönen
Gewand und meine Begeisterung wurde stärker. Es war Sonntag und vieler Orts
hörte ich Schüsse. Es scheint so, als sei der „Appenzeller“ Sonntags
am Schießstand anzutreffen. Zumindest hatte ich so den Eindruck erhalten.
Einen Schießstand werde ich so schnell nicht vergessen, denn an diesem
hatte ich doch so ein wenig ein überraschendes mulmiges Gefühl. Zu meiner
rechten Seite lag der Schießstand und das Ziel auf meiner linken. D.h. die
Schützen haben wirklich über die Straße geschossen, wobei das Ziel schon
einige Meter über der Straße lag. Vermutlich hatte eine bauliche Maßnahme
einen Schuß auf die Straße sogar verhindert, aber im ersten Augenblick war
es doch sehr überraschend. In Appenzell selber sind in der Hauptgasse viele
pittoreske Häuser mit geschwungenen Giebeldächern zu finden, bunt bemalt
mit traditionellem oder auch modernen Bildern.Nach Appenzell führte der Weg
weiter nach oben und der erste Tausender wurde überwunden. Mit 1068m ein
kleinerer Aufgalopp für die Hochalpen. Das „Passfoto“ mit dem Höhenmeterhinweis
wurde natürlich gemacht. Nach einer gelungenen Abfahrt blickte ich kurz
hinter Kaltbrunn auf eine riesige Dunstglocke. Diese entstand durch den
Obersee bei Rapperswill. Es sah fast so aus, als seien eine ganze Reihe von
Kühltürmen aktiv, die ihren Wasserdampf in den Himmel aufsteigen ließen.
Mein Weg führte weiter am Linthkanal entlang Richtung Walenstadt. Im Tal
vom Linthkanal sind sechs große Hochspannungsleitungen zu finden. Diese
transportieren den Strom aus vielen Alpenkraftwerken in die Ballungsräume
um Zürich. Zürich ist der größte „Stromverbraucher“ der Schweiz. Am
Ende oder besser gesagt am Anfang des Linthkanal (ich fuhr entgegen der Fließrichtung)
lag der Walensee, einer der saubersten Seen der Schweiz. Dabei liegt der See
vor einer gewaltigen Bergkulisse und hat mit 150m eine beachtliche Tiefe. Am
Ufer in dem engen Tal haben nur wenige Häuser platz gefunden. Dabei gibt es
sogar einen Ort,Quinten, der nur mit dem Schiff oder zu Fuß erreichbar ist.
Die „Oase“ der Ruhe besticht durch ihr mildes Klima und neben Trauben
wachsen dort sogar Kiwis, Feigen und Bananen. Der Weg führte weiter nach
Sargans, meinem eigentlich Etappenziel. Doch weil es noch relativ früh war
fuhr ich noch weiter und landete in Chur. Unterwegs wurden die Berge
deutlich höher und bekannte Ortsnamen wie St. Moritz, Davos, Lenzerheide
standen auf den Schildern. Aber das sollte mich heute nicht mehr stören,
den Chur lag im Tal. Keine Steigung, nur der etwas nervende Gegenwind. In
Chur, mit 5.000 Jahren die ältestes Stadt nördlich der Alpen, baute ich
dann mein Zelt auf und versuchte die Energiereserven durch ein ausgedehntes
Mahl nach den 170 km wieder aufzufrischen. Bei Erreichen der Dunkelheit
wurden meine Augen auch bald schon müde und ich schlief ein.