Und wieder begann ein neuer Tag, allerdings mit ähnlichem
Wetter wie schon der Tag von gestern. Der Regen blieb mir also Treu. Zu
mindestens auf den ersten 10km eher er dann doch nach ließ. Heute stand der
sehr bekannte „Passo del San Bernadino“ auf dem Programm. Mit 2066m doch
schon eine deutliche Erhebung. Dabei ging es aber immer in Wellen nach oben,
d.h. es ging ein Stück bergauf und dann auch wieder etwas bergab. Ein
schnelles Steigen war so irgend wie nicht möglich, aber die Geschwindigkeit
war mir so wie so nicht so wichtig. Relativ weit unten, also am Passanstieg
traf ich weitere Radler. Ein paar Radler mit Rennrad, die natürlich
deutlich schneller waren als ich, aber trotzdem einen kleinen Smalltalk
suchten. Das ist übrigens ganz anders als hier bei uns. Hier scheinen ja
die Rennradfahrer nichts mit Tourenradlern zu tun haben wollen. Grüße oder
Unterhaltungen kommen so gut wie nicht vor. Warum eigentlich? Leider weiß
ich das nicht. Ein älteres Ehepaar mit etwas Gepäck erklomm auch den Pass.
Jedoch hatte ich dort so meine Bedenken, denn es waren keine Radler die
schon lange radeln. Nein, diese hatten bei einer Fernsehsendung über die
Strecke Chur bis Rom die Idee bekommen. Dabei zeigte die Sendung eine von
Pferden gezogene Postkutsche und nun wollten sie diese Route fahren.
Vielleicht für den Anfang etwas weit und die Fitness ließ etwas an mir
Zweifeln, denn sie schoben schon bei einem relativ flachen Stück. Ob sie es
geschafft haben kann ich leider nicht sagen und ob sie es an dem Tag noch
bis Bellinzona geschafft haben auch nicht. Meine Vermutung tendiert eher zu
nein, denn ich erreichte Bellinzona gegen 17:00 Uhr und ich war mit
Sicherheit deutlich schneller. Doch vor soviel Mut und Entschlossenheit
hatte ich schon Respekt. Ob sie wirklich wussten was auf sie zu kam? Der
Aufstieg zum Pass war landschaftlich sehr reizvoll. Die Rheinschlucht vom
Hinterrhein, ein netter See auf der Hälfte der Strecke. Traumhaft schön.
Zudem verbesserte sich das Wetter wirklich enorm und die Sonne kam hervor.
Die letzten 450 Höhenmeter gingen in Serpentinen hinauf und die
Steigungsprozente wuchsen doch stärker an. Oben auf dem Pass zog ein kalter
Wind und die Temperaturen wurden einstellig. Ein Italiener versuchte mich
anzusprechen und machte Andeutungen, als wolle er ein Foto machen. Dabei
hatte ich gedacht, dass er mit vielleicht helfen wolle bzgl. des
Passfoto‘s. Aber nein, das hatte ich wohl falsch verstanden. Er wollte
sich mit meinem Fahrrad und dem Passschild fotografieren lassen. Die Bitte
habe ich Ihm nicht ausgeschlagen und mich dabei köstlich amüsiert. Danach
stieg er wieder in sein Auto und hatte ebenfalls ein Lächeln im Gesicht.
Wenn wollte er wohl damit beeindrucken? Mit Mütze und Handschuhe ging es
nun bergab nach Bellinzona. Auf der Abfahrt wurde es richtig ungemütlich
kalt, aber ich hatte es ja so gewollt. Jammern half nichts. Eine nette
Abfahrt endete in einer Baustelle und einer roten Ampel. Dabei sprachen die
Menschen schon alle italienisch und mein Verständnis tendierte gegen null.
Ein Rennradfahrer gesellte sich hinzu und wir klafften auf dem Rad während
der fahrt etwas. Er konnte deutsch und war gerade auf einer kleinen
„Spazierfahrt“. Er war von meinem Vorhaben die Schweiz zu durch fahren
total angetan, bekam von seiner Familie aber wohl nicht die Gelegenheit
dazu. Aber das wäre auch nicht so schlimm wie er dann meinte. Bald
erreichte ich Bellinzona und es wurde deutlich lauter. Es gab mehr Verkehr,
die Menschen unterhielten sich in italienisch, usw.. Eigentlich wollte ich
ja hier übernachten, hatte mich aber wegen des guten Wetters dazu
entschlossen noch ein Stück zu fahren. Nach knappen 25km erreichte ich dann
Aquarossa und ein gemütlicher Campingplatz direkt am Fuße zum Passo del
Lucmagno war meine Heimat für diesen Abend. Das abendliche Mahl streckte
sich wieder über den gesamten Abend. Ein paar Dauercamper schauten mal
wieder ein EM-Fußballspiel, andere versuchten ihrer kleineren Kinder zur
Ruhe zu bringen. Bald kehrte aber Ruhe ein und ich machte es mir im
Schlafsack gemütlich. Ein paar Gedanken von der heutigen 160km langen
Etappe beendeten meinen Tag.