Am Morgen des des vierten Tages gab es im Gegensatz zu den
vorherigen eine kleine Änderung vom Wetter, wobei ich darüber erst mal
nicht direkt begeistert war. Hatte es doch in den Tagen zuvor immer erst
leicht geregnet, ergoss sich doch nun ein starker Dauerregen, der das Wasser
auf der Straße stehen ließ. Hochmotiviert oder vielleicht doch eher mit
etwas Zweckoptimismus packte ich alles zusammen und verschnürte wieder
alles am Fahrrad. Mit Regenbekleidung machte ich mich auf zum Passo della
Lucomagno. Doch schon bald merkte ich, dass das Radeln in Regenbekleidung für
mich auf wenig Begeisterung stieß und so zog ich relativ schnell meine
Regenjacke wieder aus, auch wenn nun mein T-Shirt vom Regen völlig durchnässt
wurde. Aber es war doch angenehmer als mit der Jacke. Die Regenhose knöpfte
ich ebenfalls an der Seite auf, so dass auch dort genügend Luft an die
Beine kam. Dabei blieb aber das Wasser irgendwie trotzdem außerhalb der
Hose. Eine relativ angenehme Fahrt unter diesen Bedingungen. Es vergingen
schon einige duzend Minuten als der strömende Regen nach ließ und zu einem
leichteren Regen wechselte. Die Wolken waren so nah, als könnte ich diese
direkt anfassen und vielleicht sogar mit nehmen. Aber wer benötigt schon
Regenwolken? Etwas verwundert war ich etwa bei 2/3 der Passhöhe, als ich
eine Gruppe französischer Jugendlicher traf. Diese geschätzten 15 bis 20
überwiegend Mädels waren im Wald, jenseits von irgend welcher
„Zivilisation“ und hatten irgendwie viel Spaß im Regen. Sie grüßten
mich und ich grüßte sie und alle hatten irgend wie herzhaft lachen müssen.
Verstanden haben wir uns gegenseitig nicht, aber die Gedanken waren bei
allen gleich und die können nur in die Richtung gegangen sein: „Oh je
ein/mehrere Verrückte“. Nach einer Weile errichte ich dann die Passhöhe
und der Regen ließ langsam nach. Das obligatorische Foto mit dem Passschild
machte ich zügig, denn es wurde doch frisch. Die Temperaturen waren wieder
nicht besonders hoch und schnell zog ich mir den Pullover, Jacke, Mütze und
Handschuhe an. Ein herrlicher See war oben auf der Passhöhe zu finden,
jedoch zum Baden war es wohl etwas frisch. Während der Abfahrt kam ich an
eine relativ große Staumauer, die doch sehr imposant in die Felsen gebaut
wurde. Je weiter ich nach unten fuhr, desto weniger regnete es und in der Nähe
von Disents blitzte sogar die Sonne durch die Wolken. Die Temperaturen
stiegen sofort stark an und T-Shirt und kurze Hose war wieder angesagt.
Disentis liegt sehr schön gelegen hoch über dem Zusammenfluss des Vorder-
und des Medelserrhein. Der Blick auf das prächtige barocke
Benediktinerkloster St. Martin ein Traum, das übrigens das Wahrzeichen von
Disentis ist. Vor dem Kloster liegt der Bahnhof und viele Züge fahren dort
die für Eisenbahnen steile Strecke entlang. Diese sehen im Verhältnis zum
Kloster aus wie Modelleisenbahnen, weil sie so winzig wirken. Nach einer
kurzen Stärkung geht die Fahrt weiter und der Oberalppass wartet bereits
auf mich. Zunächst geht es nur mäßig steil bergauf und ich erfeue mich an
der herrlichen Landschaft und dem mittlerweile schönen Wetter. Zusätzliche
Begeisterung wird mir zu teil, als ich den Glacier-Express sehe, der sich
mit Hilfe von Zähnen den Berg hinauf schlängelt. Eine Freude für einen
Eisenbahnfan. Im Laufe meiner Fahrt nach oben beobachte ich noch einge male
den Glacier-Express. Es sei hier nur erwähnt, dass es nicht immer der
selber war. Dafür war meine Geschwindigkeit eindeutig zu langsam. Fast ganz
oben angekommen fand ich an einer Berghütte ein Schild auf dem Stand
„Frischer Alp-Ziegenkäse zu verkaufen“. Eigentlich nicht so ungewöhnlich,
nur das ich während meines gesamten Aufstieges keine einzige Ziege gesehen
habe und der Käse in einer Kühlbox stand. Vielleicht war es frisch
gekaufter Alp-Ziegenkäse. Oben auf der Passhöhe bei 2044m gab es wieder
das normale Ritual mit dem Foto und für mich wirklich fast nicht zu glauben
einen Bahnhof. Die Schweizer bauen wirklich eine Eisenbahn auf einen Pass
von 2044m Höhe. Andere würden dort nicht einmal eine Straße bauen. Und
das alles sehr umweltschonend mit elektrischer Energie. Nach einer kurzen
Pause ging meine Fahrt weiter und den Pass hinunter Richtung Andermatt. Auf
dem Weg bis dort hin konnte ich einige male den Glacier-Express bewundern,
der aber bergab deutlich langsamer fuhr als ich mit dem Rad. Ein paar
Reisende winkten aus dem Zug während ich den selben fotografierte. Einfach
unglaublich diese Streckenführung, wie die Schienen in Serpentinen verlegt
wurden. Also ich den Zug zum x-male überholte, kam ein Pfiff aus dem Zug
und ein Mann wollte ein Foto von mir während der Fahrt machen. Ein
freundliches Winken und Lächeln bescherte Ihm hoffentlich ein interessantes
Bild. Der Blick auf Andermatt und das weite Tal war wieder traumhaft und
meine Begeisterung wurde immer größer. Bald erreichte ich den Ort und auch
den Campingplatz. An diesem Tage war ich einfach nur glücklich und
zufrieden und das obwohl es mehrere Stunden kräftig geregnet hatte. Mit dem
ausgedehnten Mahl, stärker aufkommenden Wind verabschiedete sich der Tag
und ich schlief kurz nach dem ich in den Schlafsack gestiegen bin ein.
Morgen standen drei Pässe auf dem Programm.