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Bericht Tag 5: von
Andermatt nach Innertkirchen
Auch am 5. Tag war alles wie gehabt. Der Himmel war wieder
sehr grau, die Wolken hingen tief, ja fast schon greifbar nahe und es sah
bedrohlich stark nach Regen aus. Allerdings war es noch trocken. Nach dem
ich wieder alles gepackt hatte und den ersten gefahrenen Kilometer hinter
mir hatte, begann es nun auch endlich wieder zu regen.
Wenn es das auch nicht getan hätte, dann wäre es ja fast schon so
als fehle mir etwas. So fuhr
ich nun erneut einen Aufstieg zu einem Pass im Regen. Diesmal war es der
Passo San Gottardo, ein sehr bekannter Pass. Den großen Bekanntheitsgrad
konnte ich auch an der hervorragend ausgebauten Straße erkennen. Diese war
mehr als ausreichend breit und für eine Passstraße eigentlich viel zu gut.
Schon fast eine „Autobahn“. Aber das störte mich erst mal nicht. Nach
einer guten halben Stunde ließ der Regen nach und so langsam blitzte sogar
die Sonne zwischen den Wolken hervor. Stetig führte mein Weg nach oben und
bei ca. 2/3 der Höhe erreichte ich eine Kreuzung. Diese Kreuzung war ein
Schnittpunkt von der alten Gottard- und der neuen Gottardstraße. Die alte
Passstraße wurde mit Kopfsteinpflaster erstellt und war doch deutlich
schlechter als die Neue. Die
Sicht war recht gut und ein kühler Wind blies mir ins Gesicht. Überall lag
noch Schnee und am Rand der Straße stand auch noch ein Räumfahrzeug mit
aufgezogenen Schneeketten. Anscheinend war die Räumphase gerade erst vorüber.
Als ich noch ein paar Höhenmeter zurücklegen musste wurde es mit jedem Höhenmeter
mehr immer nebeliger. Oben auf der Passhöhe war der Nebel so stark, dass
ich kaum etwas im Abstand von zwei Metern erkennen konnte. Und dieser Nebel
verhinderte fast das Finden des Passschildes. Dieses habe ich ca. 20min. Im
Nebel gesucht, aber leider nicht gefunden. Ein wenig enttäuscht machte ich
mich schon auf den Weg bergab und konnte doch aus dem etwas gelösteren
Nebel ein paar Häuser erkennen. Da ich an diesen Häusern vorbei fahren
musste konnte ich das Passschild nun doch noch finden. Entgegen meiner
Vermutung war das Passschild nicht wirklich an der höchsten Stelle, sondern
etwas niedriger. Das Foto mit Schild und dem gefrorenen See stand nun auf
dem Programm, ehe es wieder bergab geht. Auf der mit Steinen gepflästerten
Straße ging es nun mit 37 Haarnadelkurven fast 1000 Höhenmeter bergab. Ein
schönes und auch anstrengendes Erlebnis, ein Gefühl von vergangenen Tagen
loderte auf. Unten im Tal war es wieder deutlich wärmer und der nächste
Pass wartete bereits auf mich. Diesmal war es der Nufenenpass, mit 2478m das
Dach meiner Tour. Zunächst ging es relativ flach einige Kilometer im Tal
entlang, doch so allmählich wurde es merklich steiler. Einige Wasserfälle
rechts und links von mir sprudelten ins Tal hinunter und die Fahrt wurde
interessanter. Beeindruckend war allerdings das Naturschauspiel mit dem Fön.
Dabei konnte ich den Ablauf genau beobachten, ja vielleicht wurde ich auch
Teil des Fönes. Bemerkt habe ich das beim Aufstieg etwa in halber Höhe.
Warme Luft drückte von hinten nach oben. Es war ein angenehmes Fahren und
die Sicht war noch klar. Als ich mich jedoch wegen eines PKW‘s mal
umdrehte staunte ich nicht schlecht. Hinter mir zogen Wolken mit einem
enormen Tempo den Pass hinauf. Schnell überholten sie mich und die Sicht
wurde wieder nebeliger. Nach einer Zeit tröpfelte es wieder und ich
bemerkte, dass das Aufsteigen der warmen Luft nach ließ und die Temperatur
deutlich sank. Die eben noch nach oben steigenden Wolken hatten sich in der
Höhe so stark abgekühlt, dass sie es regnen ließen bzw. den Weg wieder
nach unten antraten. Allmählich wurde die Sicht wieder klarer und so
langsam erreichte ich die Passhöhe. Ein schönes Naturschauspiel wurde mir
geboten und oben erntete ich noch etwas Lob von ein paar Engländer. Diese
hatten mich während der Auffahrt mit dem Auto überholt bzw. gesehen und
oben im Restaurant dann erst mal gespeist. Für sie war es völlig unverständlich,
wie jemand mit dem Rad und dem Gepäck einen solchen „Berg“ hinauffahren
kann. Ok, überzeugen konnte ich sie nicht, oder ist es vielleicht wirklich
etwas verrückt? Auf der Abfahrt musste ich zunächst eine Zwangspause
einlegen, weil die Straße gesperrt wurde. Geröll und Steine wurden von
Arbeitern absichtlich den Hang hinunter gerollt. Damit sollte ein
unkontrollierter Steinschlag verhindert werden. Und wenn ich hier von
Steinen spreche, dann war die Größe doch min. so groß wie Pflastersteine.
Auch deutlich größer waren zu erkennen. Und einen solchen Stein möchte
ich nicht während der Fahrt im Rad oder auf dem Kopf wiederfinden. Nach ca.
einer Stunde konnte ich die Fahrt fortsetzen und die Abfahrt ging weiter.
Bald erreichte ich Ullrichen und wie ich fand zu früh um zu Zelten. So nahm
ich für diesen Tag auch noch den dritten Pass in Angriff.Und um es direkt
zu sagen es war ein sehr extremer Pass.
Er war extrem schön von der Landschaft, es war extrem
windig bei der Abfahrt, es kamen extreme Wasserfluten vom oben und auch
von der Seite, es war extrem kalt und ich empfand diesen Pass als extrem
anstrengend. Letzteres vielleicht deshalb, weil es der dritte Pass des
Tages war. Die Auffahrt führte von Ullrichen zunächst relativ flach
Richtung Gletsch und der Weg führte an der Rhonequelle vorbei. Im
übrigen entspringen in der Bergkette von Grimsel-, Furka- und
Sustenpass noch der Rhein, die Aare und die Reuss. Entlang der Straße
führten auch eine Zahnradbahnlinie. Diese wurde aber gerade renoviert
und soll bald wieder von einer Dampflok befahren werden. Ein mit
Sicherheit sehr beeindruckendes Erlebnis für Naturliebhaber und
Romantiker. In dem engen Tal konnte ich schon aus der Ferne den Aufstieg
zum Grimselpass erkennen. Es schlängelte sich eine Straße in
Serpentinen eine riesige Felswand empor und Autos und Busse sahen aus
wie Miniaturspielzeug. Die 1894 geöffnete Passstraße war ursprünglich
für Postkutschen gedacht und kurbelten damals den Tauschhandel an.
Heute fahren noch immer Postbusse entlang dieser Strecke und das
wirklich originell klingende Dreiklanghorn erinnert an die Zeit von
damals. Schon bald erreichte ich Gletsch, ein Ort mitten in einer
Passlandschaft. Der Weg nach rechts bzw. geradeaus führt auf den
Furkapass, der Weg nach links zum Grimselpass. Also bog ich natürlich
nach links ab und wie schon erwähnt regnete es. Eine ganze Zeit lang
fuhr ich nun weiter nach oben, entlang dieser steilen Serpentinen und
merkte meine doch so langsam müder werdenden Beine. Doch es half nichts
und die tollen Ausblick ins Tal zurück entschädigten auf jeden fall
für die Mühen. Irgendwann erreichte ich dann die Passhöhe und war
dann doch überrascht. Mein Höhenmesser hatte durch den Wetterumschwung
eine stärkere Abweichung zur aktuellen Höhe und entgegen meiner
Vermutung brauchte ich halt keine 200 Höhenmeter mehr zurücklegen.
Nach dem Passfoto zog ich mir nun wieder wärmere Kleidung über und
machte mich auf den Weg nach Innertkirchen. Und diese Abfahrt war
wirklich überwältigend. Der Regen wurde von Minute zu Minute stärker,
der Wind pfiff mir um die Ohren und die Temperatur nahm rapide ab. Die
Geschwindigkeit drosselte ich und selten fuhr ich schneller als 30 km/h.
Es war viel zu gefährlich bei diesem Wind und den Wassermassen. Denn
nicht nur der Regen ergoss sich über der Straße, auch einige
Wasserfälle und Bäche liefen einfach über die selbe. Und trotzdem
waren die Ausblicke einfach gigantisch. Zunächst sah ich einen großen
See, den Grimselsee, mit
einer riesigen Staumauer. Und kaum fuhr ich weiter um eine Kurve bekam
ich einen weiteren Einblick und der Grimselsee würde immer größer und
größer. Es ist für mich jetzt nicht möglich eine Schätzung über
die Größe abzugeben, weil es mit Sicherheit falsch wäre. An der
Staumauer und den angrenzenden Felsen konnte der Wasserstand abgelesen
werden. Nicht in Form von Metern, sondern an den Felsen wuchs oberhalb
der höchsten Wassermarke grünes Moos. Unterhalb waren die Felsen fast
weiß. Und an der Staumauer stand bestimmt 30m hoch (vielleicht auch
mehr) das Wasser während der Schneeschmelze. Oberhalb des Grimselsees
auf einem Felsenrücken thronte ein Hotel, das Grimsel Hotel. Bei
schönem Wetter mit Sicherheit ein absolut romantischer Ort, bei
schlechtem wie diesem ein Abenteuer. Meine Fahrt ging weiter und kurz
nach dem ich die Staumauer überfahren hatte sah ich den nächsten See,
dem Räterichs-Bodensee. Etwas kleiner, aber immer noch sehr mächtig.
Auf dem Weg bis dort hin ging es einige Kehren bergab und in einer Kurve
wurde ich auf einen Wegweiser aufmerksam. Auf diesem Stand
„Sommerloch“. Ab diesem Zeitpunkt war mir dann auch klar, wohin sich
der Sommer in diesem Jahr verzogen hatte. Bald erreichte ich den See,
der in riesigen Felswänden eingebettet in diesem Tal lag. Am Ende gab
es wieder eine weiter Staumauer. Das Tal wurde enger und die Gletscher
mit dem hellen Schnee und Eis leuchteten. In diesem Gebiet gibt einige
Gletscher. Auf der Landkarte konnte ich mal eben auf die schnelle acht
Gletscher zählen. Vielleicht waren dort auch noch ein paar mehr.
Deshalb ist es auch leicht verständlich, das die großen Wassermassen
bei der Schneeschmelze aufgefangen werden müssen. Zum einen würde
sonst das ganze Tal bis zum Brienzer See überflutet, zum anderen
können die Schweizer so das ganze Jahr über preiswert und
umweltschonend Strom erzeugen. So konnte ich auf der weitern Abfahrt ins
Tal noch einige Kraftwerke und Hochspannungsleitungen sehen. Diese
passten aber immer noch sehr verblüffend gut in die Natur. Nach einer
nachhaltig sehr schönen, ja vielleicht sogar der schönsten Abfahrt
während meiner Tour, erreichte ich völlig durchnässt und ein wenig
durchfroren Innertkirchen und den Campingplatz. Die gute Frau an der
Rezeption hatte nur ein mitleidiges Lächeln für mich übrig und bot
mir als Übernachtungsmöglichkeit den Aufenthaltsraum an. Eine Hütte
aus Holz und auf jeden Fall trocken. Das Angebot wollte ich nun wirklich
nicht ausschlagen. Ein anstrengender Tag mit ca. 114km und 2.800
Höhenmeter war zu Ende und genussvoll nahm ich meine reichhaltiges
Abendessen zu mir. Die Eindrücke wirkten noch eine ganze Weile und
irgendwann sind mir dann die Augen zugefallen.
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